
Bei unserer Fahrt durch Lviv und Kiew und die vielen kleinen Dörfer dawischen wird deutlich, die Ukrainer haben in den vergangenen Jahren einen ausgesprochen Nationalstolz entwickelt. Es gibt nichts, was sich nicht in den Landesfarben blau und gelb anmalen ließe. Blau-gelbe Busse und Bushaltestellen, blau-gelbe Brückengeländer und Fahrbahnbegrenzungen, die LKW blau-gelb angesprüht, jeder noch so kleine Kiosk mit gelben Wänden und einem blauen Dach.




Nicht so in Odessa. Klar taucht die Farbkombination auch hier hin und wieder auf und an größeren Gebäuden weht die Nationalflagge, aber insgesamt präsentiert sich Odessa als eine europäischere, eine internationalere Stadt.

Im Vergleich zum Rest der Ukraine ist Odessa eine relativ junge und dank des Zugangs zum Schwarzen Meer recht wohlhabende Stadt und seit jeher nimmt sie eine Sonderstellung in diesem Land ein. Anders als im Rest der Ukraine (die Separatistengebiete einmal ausgenommen) spricht man in Odessa Russisch. In der Schule lernen die Kinder mit mehr Wochenstunden Russisch als Ukrainisch.
Auch Vovas Muttersprache ist Russisch und Ukrainisch beherrscht er nur zum Teil. An der Grenze vor drei Tagen wurden Vova einige Fragen gestellt. Er antwortete auf Ukrainisch, aber mit deutlichem russischen Akzent. Sofort fragte der Grenzbeamte in nicht allzu freundlichem Ton, wo Vova denn herkäme. Er klänge nicht ukrainisch und auf Russland sind viele Ukrainer (gerade in der Gegend um Lviv) aktuell nicht sonderlich gut zu sprechen. Als Vova antwortete, er sei aus Odessa, schien der Beamte umgehend besänftigt und murmelte versonnen… „Ah… Odessa. Odessa Mama“. Das ist es, was Odessa für viele Ukrainer ist.

Odessa – die ‚Mutter‘ für alle, die aus der Gegend stammen, aber auch im Rest des Landes eine Stadt, von der ein Zauber ausgeht und deren Namen keiner ohne eine ordentliche Portion Respekt ausspricht. Und wie ich finde, völlig zu recht.
Odessa ist eine wunderschöne Stadt. Und eine Stadt, die sich in rasender Geschwindigkeit verändert und entwickelt. Ja, auch hier gibt es noch reichlich Straßen mit uraltem Kopfsteinpflaster, auch hier verfallen unzählige Häuser und auch hier leben noch viele Menschen in Armut. Und auch hier spannen die Menschen in baufällig scheinenden Häuser noch ihre Wäscheleinen quer über den Balkon.

Aber es ist kein Vergleich zum Rest des Landes. Odessa lebt, wächst und gedeiht auch über den touristischen Teil der Altstadt hinaus. Überall werden historische Gebäude restauriert und Fassaden erneuert. In einigen Teilen der Stadt wurde mit alten Ausgrabungen einer antiken griechischen Siedlung begonnen.

An vielen Orten fühle ich mich an Dresden erinnert und das nicht nur wegen der Oper, für die die Dresdner Semperoper ‚Model‘ gestanden hat.

Die Stadt atmet Kultur und Geschichte und sie zeigt, was sie hat. Museen, Ausstellungen, Galerien, Denkmäler… alles wird nicht nur zeitgemäß hergerichtet und aufgebaut, sondern auch angemessen präsentiert. Und manchmal sind die dazugehörigen Hinweistafeln sogar nicht nur auf Russisch sondern zusätzlich auch auf Englisch.






Und Odessa ist eine ausgesprochen junge Stadt und offen für alles Moderne, ohne dabei die typischen ukrainischen Traditionen zu vergessen. Gefühlt macht jeden Tag eine neue Strandbar oder ein neuer Nachtclub direkt am Meer auf. Die Menschen hier wissen, wie man feiert.



Wirtschaftliches Herz der Stadt ist das Meer und der Hafen. Es gibt keinen in Odessa, in dessen Familie nicht mindestens ein Mitglied in irgendeiner Weise beruflich mit dem Meer verbunden ist.

Und natürlich ist das Meer auch in Bezug auf die Freizeitgestaltung der meisten Menschen aus Odessa der Dreh- und Angelpunkt. Wohnen direkt am Meer und dann noch in einer Stadt soweit südlich, dass man sicher sein kann, dass der Sommer nicht nur 2 Wochen im Jahr dauert, hat schon einen gewissen Charme.








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