Verrückte Zeiten sind das. So verrückt, dass es einfach mal außer der Reihe einen Blogbeitrag gibt. Und einen recht umfangreichen noch dazu. Und das so ganz ohne Reise. Eigentlich hätte es einen gegeben. Vor zwei Wochen. Über China. Zufälle gibt es… Aber irgendwie kam dann alles ganz anders. Und erst wurde aus dem Reiseziel statt China, Ungarn. Dann statt Ungarn, Dresden. Und schließlich ein Garten in Düsseldorf-Unterbach. Wer hätte das geahnt….

Also gibt es stattdessen einen Bericht von Zuhause. Aber ich kann euch sagen, es gibt deutlich schlechtere Urlaubsorte auf dieser Welt. Bei allen Schwierigkeiten und Einschränkungen der letzten Tage und Wochen, gehören wir doch ohne den kleinsten Zweifel zu den Glückskindern und ich bin sehr, sehr dankbar dafür. Beide haben wir einen sicheren Job und die Möglichkeit, von Zuhause zu arbeiten, ein Haus mit der Möglichkeit, sich trotz Daueranwesenheit auch mal aus dem Weg zu gehen und einen Garten, der genügend Bewegungsspielraum und Beschäftigungsmöglichkeiten für selbst das aktivste Musketier bietet. Und – wichtiger als alles andere – alle, die einem lieb und teuer sind, sind gesund und wohlauf.
Das bedeutet aber natürlich nicht, dass nicht auch für uns der Corona-Alltag immer wieder kleine, feine Herausforderungen und Überraschungen bereithält. 😉 Ich würde annehmen, dass mein lächerlicher Versuch, das Arbeiten von Zuhause, den Haushalt und die Erledigung von Schulaufgaben zusammen mit drei Halbstarken irgendwie erfolgreich unter einen Hut zu bringen, einen hervorragenden Beitrag für „die versteckte Kamera“ oder „Verstehen Sie Spaß“ abgeben würde.
Wenn es für die Sisyphos-Analogie nicht bereits die Sache mit dem Felsblock gäbe, könnte man alternativ meine hoffnungslosen Bemühungen zur Aufrechterhaltung (oder erstmal Herstellung) einer akzeptablen Grundordnung im Haus verwenden. Stellt euch einfach vor, ihr hättet gerade überall aufgeräumt, den Tisch abgewischt, alle Sachen an ihrem Platz verstaut, gewischt, gesaugt, vielleicht sogar noch die Fenster geputzt. Ihr dreht euch nochmal um, um zufrieden euer Werk zu betrachten und dann öffnet jemand die Tür und herein stürmen alle Bewohner des Dresdner Streichelzoos, des Krüger Nationalparks und des Düsseldorfer Wildparks. Alle auf einmal. Und ohne sich vorher die Füße abzutreten. Und alles, was ihr tun könnt, ist tatenlos zuzusehen und ab und zu tief zu seufzen. So ähnlich ist das hier. Jeden einzelnen Tag. 🙂 Am Anfang habe ich tatsächlich noch versucht, der Sache Herr zu werden und habe mein Glück jeden Tag aufs Neue versucht. Aber die Einsicht kam schnell und mittlerweile liegt die Messlatte in Bezug auf Ordnung und Reinigung um einiges tiefer. Der Zielzustand ist nunmehr nicht „sauber und ordentlich“ sondern lediglich „nicht gesundheitsschädlich und bewohnbar“. Das muss reichen.
Gerade die Sache mit dem Fensterputzen… versucht mal drei Jungs beizubringen, beim Betreten des Hauses durch die verglaste Terrassentür, diese Tür durch einfache Benutzung des Türgriffs und nicht etwa durch großflächiges Verteilen von Hand- und Fußabdrücken (ja! auch Füße!) auf der Scheibe zu öffnen. Ein hoffnungsloses Unterfangen. Die ersten drei oder vier Tage habe ich tatsächlich noch immer wieder die Scheibe geputzt oder die Herren dazu liebevoll angehalten, aber mittlerweile finde ich den ungleichmäßigen Milchglasscheibeneffekt eigentlich ganz charmant. Muss ja auch nicht jeder rein- und rausschauen können. Und wenn die Jungs den ersten Dreck schon an der Scheibe hinterlassen, bringen sie zumindest weniger ins Haus. Das Sofa und die anderen Möbel bekommen dann weniger ab. Muss man ja auch mal so sehen.

All das wäre ja auch gar nicht möglich, hätten wir nicht die letzten Wochen ein so großartiges Wetter gehabt. Ich kann gar nicht in Worte fassen, WIE dankbar ich dafür bin. Vermutlich werden sich manche der nach dem Barfußlaufen im Matsch auf den Dielen (oder auf der Terrassentür) hinterlassenen Fußabdrücke nicht mehr vollständig entfernen lassen und ich werde auch in 10 Jahren noch Reste von Wasserbomben in meinem Gemüsebeet finden, aber was für ein Glück, dass die Jungs so fast freiwillig einen nicht unbeträchtlichen Teil des Tages an der frischen Luft verbringen – wenn nicht im Garten, dann auf Fahrradtour mit uns.

Die Zeit, die die Herren im Garten verbringen, ist auch einer der Zeiträume, in denen ich mich tatsächlich halbwegs ungestört meiner eigentlichen Arbeit am Computer widmen kann. Also bis zu dem Punkt, wo ein Kühlpäckchen nach draußen gereicht oder Nasenbluten gestillt werden muss, weil einer der Jungs ‚aus Versehen‘ mit einem Ball unsanft am Kopf getroffen wurde oder beim Fangen über die Füße eines anderen ‚gestolpert‘ ist. Mein Tipp an alle, die in solchen Situationen immer noch versuchen, zu schlichten oder einen Schuldigen herauszufinden: gebt es auf. Es ist hoffnungslos und ihr erwischt mit Sicherheit immer den Falschen. Trösten, kurz auf größere Verletzungen prüfen, in schlimmeren Fällen Eis verteilen (also zum essen) und dann die Herren wieder sich selbst überlassen. Sie wissen ganz genau, dass es momentan als Spielpartner nur eine sehr begrenzte Auswahl an Personen gibt und man sich besser früher als später wieder verträgt. Man benötigt den anderen mit Sicherheit in kürzester Zeit wieder – spätestens beim nächsten gemeinsamen Widerstand gegen die Erziehungsberechtigten 😀
Neben dieser Arbeitszeit habe ich noch 3 weitere gute Zeitpunkte und einen eher mittelmäßigen Zeitpunkt, die sich zur konzentrierten Arbeit eignen. Der erste gute Zeitpunkt ist vor dem Aufwachen der Restfamilie – frühes Aufstehen sichert mindestens drei Stunden ungestörtes Arbeiten und die ersten Waschmaschinen können auch schon laufen. Eine weitere nutzbare Stunde ist die den Jungs vertraglich zugesicherte Zeit an Handy, Computer oder Fernseher. Nie ist man ungestörter, als wenn sich die Herren ganz der Technik hingeben. In dieser Zeit würden sie es noch nicht mal merken, wenn ich komplett das Haus verlassen würde. (Nicht dass mir dieser Gedanke schon mal gekommen wäre.) Und schließlich die Zeit nach dem Abendessen, wenn – es sei denn es wurde ein Spieleabend angesetzt – die Herren sich für den hundertsten Marvelfilm oder, noch schlimmer, irgendwelche Youtube-Clips entschieden haben. An diesen Abenden wird meine Aufmerksamkeit beim gemeinsamen Schauen dieser Sendungen wirklich überhaupt nicht benötigt, so dass ich mich in Ruhe meinen emails widmen kann. 🙂
Beim nur mittelmäßig geeigneten Zeitpunkt handelt es sich um die gemeinsame Zeit, in der alle drei jeden Tag ihre Schulaufgaben erledigen. Zwar befinden sich in dieser Zeit alle an einem Tisch und sollten konzentriert und selbständig an den von der Schule über entsprechende Lernplattformen übermittelten Aufgaben arbeiten, die Wirklichkeit sieht dann mitunter aber doch ein ganz klein wenig anders aus. Lasst es mich so ausdrücken, die gleichzeitige Bearbeitung der Groß- und Kleinschreibung in Klasse 5, des Hambacher Festes in Klasse 8 und der Extremwerte von Exponentialfunktionen in Klasse 10, zu denen alle drei Nachfragen stellen oder Unterstützung brauchen, bringt doch überraschend viele Herausforderungen mit sich und führt zu einer ganz besonderen Arbeitsatmosphäre und von meiner Seite zur stetigen Wiederholung von Sätzen wie „warte, ich mach das kurz mit deinem Bruder zu Ende“, „lass deinen Bruder in Ruhe, du sollst dich auf deine Aufgaben konzentrieren“, „du könntest schon lange fertig sein, wenn du mal fünf Minuten am Stück arbeiten würdest“, „leg das Handy weg“, „nein, wir machen noch keine Pause“, „werd‘ fertig, du musst das in 15 Minuten abschicken“ und auch gern „keine Ahnung, google das mal“. Vermutlich wäre es zielführender, wenn ich die drei ihre Aufgaben jeweils nacheinander machen lassen würde. Allerdings müsste jeder Tag dann etwa 35 Stunden haben.

Gänzlich ungeeignet zum Arbeiten ist übrigens die Zeit, in der die drei ihre Aufgaben im Haushalt erledigen. Hier ist neben ununterbrochener Motivation („das machst du super“, „sieht schon sehr gut aus“ usw.) auch die wiederholte Versicherung gegenüber allen dreien notwendig, dass wirklich alle gleich viel machen müssen und dass morgen die Aufgaben getauscht werden und dass saugen / abwaschen / Wäsche aufhängen / Spülmaschine ausräumen (nicht zutreffendes streichen) also eben genau DIE zugewiesenen Aufgaben die schlimmsten von allen sind und auch viel länger dauern als die der Brüder und überhaupt ist das Leben einfach ungerecht. Aber am Ende ist dann doch irgendwie alles gemacht und man kann mit der Erledigung seines Erziehungsauftrages irgendwie zufrieden sein, auch wenn man selbst die Aufgaben vermutlich in der Hälfte der Zeit und ohne den massiven Verlust von Nervenzellen erledigt hätte.
Gleichermaßen ist es im übrigen auch nicht sinnvoll, mit der Büroarbeit zu beginnen, wenn sich die drei für das gemeinsame Spielen eines Gesellschaftsspiels entschieden haben. Hier sollte man vielmehr bereits vor Spielbeginn moderierend eingreifen, um größere Auseinandersetzungen und schlimmere Verletzungen zu vermeiden. Gerade Monopoly birgt hier doch deutliches Konfliktpotenzial. Ich spreche aus jahrelanger Erfahrung.
Völlig hoffnungslos wäre ein Arbeitsversuch in jedem Fall auch ab dem ersten Auftreten von Hungergefühlen bei auch nur einem der jungen Herren. Und das ist immer bereits wenige Stunden nach der letzten Nahrungsaufnahme der Fall. Ihr könnt euch nicht vorstellen, wieviel vier Männer essen können! Die Planung und Sicherstellung der täglichen Versorgung der Musketiere mit Lebensmitteln vorzugsweise noch in Form möglichst kreativer Gerichte nimmt einen durchaus relevanten Teil eines Tages ein. So langsam gehen mir auch die Ideen aus, was man noch alles kochen kann. Aber zum Glück gibt es ja das Internet. Vielleicht gebe ich irgendwann ein Kochbuch heraus – Gerichte für jugendliche Jungs in Krisenzeiten oder so. Noch ein paar Wochen und ich habe alles durchgekocht, was die einschlägigen websites zu bieten haben.
Insgesamt ist das wirklich schon eine ganz besondere Situation und obwohl die Jungs natürlich ihre Freunde vermissen, hat man doch das Gefühl, dass sie sich nicht ganz unwohl zuhause fühlen. Ich glaube, es ist schon von Vorteil, dass sie sich besonders in dieser Zeit als Geschwister haben. Und auch obwohl die Zeit gerade die eine oder andere Herausforderung mit sich bringt und ich an vielen Tagen todmüde ins Bett falle oder manchmal auch mit meinem Erziehungslatein am Ende bin, bin ich doch sehr glücklich, meine Jungs alle so nah um mich herum zu haben. Ich weiß, die gemeinsame Zeit ist begrenzt.
So dann jetzt noch fix ein paar Stündchen Schlaf bekommen und morgen auf ein Neues. Die nächsten Waschmaschinenladungen, der Einkauf, die Küche, die Fragen zu Romeo und Julia und zur Analyse der Sinuskurve und meine Büromails warten schon auf mich. Genau wie das gemeinsame Pizzaessen, die liebevoll für mich zubereiteten Pfannkuchen, mein Verlieren bei Siedler von Catan und das eine oder andere im Vorbeigehen oder beim Zubettgehen geflüsterte „Ich hab dich lieb.“ Das ist ein großes Stück vom Glück.
Passt gut auf euch und eure Lieben auf. Und bleibt gesund.






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