Letzte Woche Freitag im Büro: Viele Kollegen sind in der Mittagspause zusammengekommen. Es gibt Pizza und Getränke. Es werden Reden gehalten. Geschenke werden überreicht. Erinnerungen werden ausgetauscht. Nach über 40 Jahren Arbeit verabschiedet sich ein Kollege in den mehr als verdienten Ruhestand. Fast 20 Jahre davon haben wir zusammengearbeitet. Wir haben uns von Anfang an sehr gut verstanden und sind Freunde geworden. Wir haben in verschiedenen Bereichen, an verschiedenen Themen und Projekten gearbeitet und manchmal mehrere Monate lang nichts voneinander gehört. Aber beim nächsten Anruf war es dann, als hätte man erst gestern das letzte Mal miteinander gesprochen.
Er hatte schon lange eine bewundernswert klare Vorstellung für die Zeit „nach der Arbeit“ und hat die letzten Jahre auch schon alle Vorbereitungen dafür getroffen. Der Umzug in ein anderes Land. Ein Haus mit viel Grün drumherum, abgeschieden und ruhig. Und nun endlich auch das, was bisher noch gefehlt hat: Zeit. Ich bin natürlich auch da bei seinem Abschied. Ich weiß, er wird mir fehlen, aber ich weiß auch, der Kontakt wird bleiben. Und bei unserer nächsten Reise in seine Gegend, werden wir ihn und seine Familie besuchen. Dort wollte ich sowieso schon lange (wieder) einmal hin. Wir umarmen uns. Ich sage ihm, wie sehr ich mich für ihn freue und dass ich hoffe, dass alles genauso wird, wie er es sich vorgestellt hat. „Eher nicht“, meint er… „bei meiner Frau wurde vor kurzem Alzheimer diagnostiziert. Mit 62 Jahren.“

Ich bin schrecklich traurig darüber. Und es tut mir so leid. Ich weiß, dass Arbeit, Fleiß, Disziplin und all diese Tugenden einem vieles ermöglichen können, aber auch nur dann, wenn man gesund und von schweren Schicksalsschlägen verschont bleibt. Und was diese Punkte angeht, ist unser Einflussvermögen leider oft sehr begrenzt.
Ich bin mir meines unglaublich großen Glücks sehr bewusst. Drei wunderbare, gesunde Kinder – zwei davon schon fast ganz erwachsen. Und alle drauf und dran, ihren eigenen, guten Weg in dieser Welt zu gehen. Mehr als nur ein Dach über dem Kopf. Eine gute Arbeit. Einen lieben Menschen an meiner Seite. Eine wunderbare Familie und eine gute Fee – die beste, die man sich wünschen kann. Die besten Freunde. Menschen, die einen so mögen, wie man ist. Die verstehen, dass man immer versucht, sein Bestes zu geben und irgendwie bestmöglich seinen Weg durch diese Welt und dieses Leben zu gehen. Das ist wohl mit das größte Glück.
Ich danke euch allen aus tiefstem Herzen. Meinen Kindern – für die Freude und das Lebensglück, die sie mir bringen. Meiner guten Fee – eine bessere Mama kann es auf dieser Welt nicht geben. Vieles hätte ich ohne deine Hilfe, ohne deinen guten Rat, deine Unterstützung, deine Liebe nicht geschafft. Meinen Brüdern – für das Wissen, dass wir alle trotz aller Widrigkeiten immer füreinander da sein werden. Meinem Papa, der mir immer noch jeden Tag so unbeschreiblich sehr fehlt und ohne den ich ganz sicher heute ein anderer Mensch wäre. Meiner liebsten und besten Freundin – es ist so ein unbeschreibliches Glück, dich in meinem Leben zu haben. Wie viele verrückte und großartige Sachen haben wir schon miteinander erlebt. Wie viele Kindergeburtstage gemeinsam vorbereitet. Wie viele Stunden schon verquatscht. Wie viele schreckliche (und ein paar gute) Filme gemeinsam im Kino gesehen. Wie viele gratinierte Himbeeren mit Vanilleeis schon bei Robert gegessen.
N, S, F, G und C – die Handvoll Menschen, bei denen ich mich auch noch trauen würde, im Fall der Fälle vier Uhr morgens vor der Tür zu stehen – in der absoluten Gewissheit, ihr würdet aufmachen und mich reinlassen. Und wenn überhaupt erst später Fragen stellen. Meinen wunderbaren Freunden, L, T, R, T, S, S, B, A und euch anderen allen, die wir so viele gemeinsame Stunden teilen… die ihr mein Leben so viel reicher und schöner macht. Ich bin dankbar für eure Zeit, euren Rat, die vielen gemeinsamen Spaziergänge, Mittagspausen, Kneipenbesuche, Gespräche.
Und natürlich meinem Vova – für deine Geduld, deine Freundlichkeit, deine Wärme. Für deine bedingungslose Liebe. Was für eine unglaubliche Lebensreise wir schon bis hierher gemeinsam unternommen haben. Ich wünsche mir nichts mehr, als noch viel mehr und mehr gemeinsame Zeit mit all den lieben Menschen gesund und ohne große Sorgen um uns herum. Um es mit Reinhard Mey zu sagen: „Denn durch dich hab′ ich, wenn heut‘ schon meine letzte Stunde kommt, viel mehr als nur jenen Teil vom Glück gehabt, der mir zukommt.“
Vergesst nicht, wie kostbar die Zeit ist. Es ist eben doch mehr als eine Floskel. Wir müssen heute die Dinge tun, die uns glücklich machen und die uns wichtig sind. Nicht erst morgen. Und wir müssen heute den Menschen, die uns lieb und teuer sind, sagen, was sie uns bedeuten und wie dankbar wir sind. Denn wer weiß, was morgen ist.
„Spar deinen Wein nicht auf für morgen,
Sind Freunde da, so schenke ein!
Leg, was du hast, in ihre Mitte.
Durchs Schenken wird man reich allein.“
Gerhard Schöne








Hinterlasse eine Antwort zu Anita Müller Antwort abbrechen