Die Auswahl der Orte, die wir in Guatemala besuchen wollten, fiel alles andere als leicht. Es gibt einfach so unglaublich zu sehen und wir hatten viel zu wenig Zeit. Eines, was wir uns aber auf keinen Fall entgehen lassen wollten, war der Besuch einer der vielen historischen Maya Stätten. Kurz hinter Flores beginnt das so genannte Maya-Biosphärenreservat. Über 2 Millionen Hektar geschützter Regenwald (Das ist circa ein Fünftel der gesamten Fläche Guatemalas – etwa so groß wie Hessen.) – zusammen mit den angrenzenden Wäldern in Mexiko und Belize das größte zusammenhängende tropische Regenwaldgebiet nördlich des Amazonas. Und darin über 50 historische Maya-Stätten – die Region selbst wird als Wiege der Maya-Tieflandzivilisation bezeichnet. (Die Maya-Hochlandzivilisation entstand in der Gegend rund um Guatemala City – auch hier gibt es einige erhaltene Stätten.)
Die wohl am häufigsten besuchte und touristisch erschlossenste Mayastätte in der Nähe von Flores ist Tikal. Um die 300.000 Touristen besuchen Tikal jedes Jahr. Diese Stadt stammt aus der so genannten ‚klassischen‘ Phase der Maya-Zivilisation etwa 250 n. Chr. bis 900 n. Chr. Aber die Maya bauten bereits viel früher gewaltige Städte und gigantische Pyramiden. Die erste so genannte „Megastadt“ der Maya war El Mirador – sie entstand bereits in der „präklassischen“ Phase vor fast 3.000 Jahren. El Mirador liegt mitten im Regenwald und erst 2003 wurden die Ausgrabungen an dieser Anlage begonnen. Ich hatte davon gelesen, dass der Besuch dieser zum größten Teil unberührten Stätte eine ganz außergewöhnliche Erfahrung sein soll. Doch möchte man El Mirador besichtigen, gibt es nur zwei Möglichkeiten: entweder eine 5-Tages-Wanderung durch den Dschungel oder per Helikopter. Und wir…. hatten leider keine 5 Tage Zeit. 🙂

Der Helikopterflug allein war ein überwältigendes Erlebnis. Zunächst ging es über den Petén-Itzá-See (den drittgrößten See Guatemalas) mit seinem türkisfarbenen Wasser und über die kleine Insel Flores…




…dann zunächst Felder und Höfe und schließlich beginnt der geschützte Teil des Nationalparks – Regenwald so weit man schaut. Flüsse gibt es hier keine, aber dafür immer wieder kleine Seen , die meisten zu einem großen Teil überwachsen.






Mit einem modernen Lasermesssystem ist es Forschern gelungen, die ehemaligen Maya-Straßen unter den Bäumen zu erkennen. Die Maya bauten geradezu Autobahnen zwischen ihren großen Städten – schnurgerade breite Straßen, erhöht und mit weißem Kalksteinmaterial verputzt. Die so genannten „scabe“. Heute gilt das etwa 240km lange Straßennetz, das El Mirador mit den anderen Orten der Gegend verband, als erstes Landstraßennetz der Welt. Wenn man sich nach El Mirador zu Fuß auf den Weg macht, läuft man heute teilweise noch auf diesen mittlerweile überwachsenen, absolut geradlinigen Wegen durch den Dschungel.

Und dann… nach etwa 40 Minuten Flug tauchen plötzlich die ersten Pyramiden unter uns auf. Deutlich zu erkennen: La Danta – die größte Maya-Pyramide überhaupt. Aber nur ein Bauwerk in der riesigen Maya-Anlage von El Mirador.




Der Helikopter landet auf einer kleinen Lichtung mitten im Dschungel. Außer uns befinden sich zu diesem Moment, an diesem Tag lediglich noch 5 andere Personen an diesem Ort – zwei weitere Touristen (ein Mutter-Sohn-Gespann aus Peru, mit denen wir uns sehr gut verstanden haben :-)), unser Pilot, ein ortskundiger Reiseführer und Mayaforscher und sein Begleiter / Assistent. Sonst war es menschenleer.

Etliche Kilometer um uns herum – keine Menschenseele und keine menschengemachten Geräusche. Nur der Dschungel mit seinem Blätterrascheln, dem Zirpen der Zikaden und Hunderten von Vogelstimmen. Es ist ein unbeschreibliches Gefühl.




Wobei man hier natürlich nie sicher weiß, über welche heilige Maya-Stätte man eventuell gerade läuft. Eine ehemalige Straße vielleicht, ein Gebäude, ein Altar, ein Tempel… es liegt noch so unglaublich viel unerforscht unter diesem Dschungel von El Mirador.

Da die Ausgrabungen hier erst Anfang der 2000er überhaupt begonnen haben und das Gebiet so schwer zugänglich ist, gibt es im Gegensatz zu anderen Touristenattraktionen nicht allzu viele Menschen, die diesen Ort überhaupt bisher besucht haben. Und jeder, der hier herkommt, trägt sich zunächst in das „Besuchsbuch“ ein, während unser Reiseführer, der seit Jahrzehnten die Maya-Zivilisation studiert, uns die ersten interessanten Dinge über die ehemalige Mega-Stadt El Mirador erzählt. Es fühlt sich alles so außergewöhnlich an.



An mehreren Stellen finden sich Ausgrabungsstätten – nach dem Freilegen durch Planen oder Dachkonstruktionen vor der Witterung geschützt. Der Reiseführer erzählt zu den verschiedenen Ruinen und Konstruktionen, was man bisher weiß oder glaubt zu wissen. Auch über das unglaublich reiche Wissen der Maya, ihre Kenntnisse und Interpretationen vom Universum. Die Art und Weise wie ihre Gebäude nach bestimmten Konstellationen der Sterne ausgerichtet zu sein scheinen. Ihr mathematisches Verständnis. Ihre Schrift und Kommunikation. Die Besonderheit ihres Kalenders und noch so vieles mehr. Wieder einmal unglaublich, was man alles nicht weiß und wieviel es noch zu lernen, zu erforschen, zu entdecken gibt.






Manche der freigelegten Reliefe, Friesen oder Hieroglyphenbänder erzählen ganze Geschichten, auch wenn die komplexe Maya-Schrift bisher noch nicht vollständig entschlüsselt wurde. Ein besonders gut erhaltenes Fries soll zum Beispiel Geschichten aus dem heiligen Buch der Maya, dem Popol Vuh, zeigen. Aus anderen Inschriften / Friesen konnten Forscher schließen, dass es sich bei El Mirador um die Hauptstadt des Kan-Königreiches (Schlangen-Königreiches) gehandelt hat.


Wir wandern weiter durch den Dschungel und stehen schließlich vor großen Steinstufen und dem Schild, das die größte Maya-Pyramide überhaupt erklärt: La Danta. Unser Reiseführer weist uns darauf hin, dass wir – ohne es zu gemerkt zu haben – bereits auf der riesigen Basis der Tempelanlage stehen. Etwa 500 mal 300 Meter soll die Basisplattform der La Danta Pyramide messen. Gigantisch. Die Maya-Pyramiden sind sockelweise aufgebaut und so steigen wir Stufe für Stufe hinauf – der letzte Abschnitt über eine Holzkonstruktion, um die Steine zu schützen. Und schließlich stehen wir ganz oben auf der obersten Plattform von La Danta. Vor uns zu allen Seiten nur scheinbar endloser Dschungel.







Wir erklimmen noch zwei weitere Pyramiden. Unter anderem den Tempel des Jaguar. Im Gegensatz zu La Danta haben die Forscher hier einen Eingang gefunden und Hohlräume im Inneren. La Danta scheint dagegen eine solide, geschlossene Struktur ohne Innenräume zu sein.




Zum Abschluss schließlich noch der Tempel des Tigers. Auch hier ein schweißtreibender, steiler Anstieg. Doch die Aussicht und das Erlebnis ist es wert. Auch die riesige La Danta Pyramide, auf der wir vorher noch gestanden hatten, können wir von hier in der Ferne erkennen.




Zu meiner großen Freude gab es in dieser Abgeschiedenheit auch noch reichlich Tierwelt zu entdecken. Neben großen Hühnervögeln (ich habe gegoogelt – das eine scheint ein Haubenguan gewesen zu sein) und Ozelot-Truthähnen, gaben sich auch Klammer- und Brüllaffen die Ehre. Die zweiten vor allem träge und schlafend auf Ästen liegend. Kein Wunder, wenn man vorher die ganze Nacht Touristen wachgehalten hat. 😀




Das war wirklich ein ganz spektakuläres Erlebnis. Nach etwa vier Stunden ging es für uns zurück zum Hubschrauber und zurück in die Zivilisation. Mit so vielen neuen Eindrücken und so viel zum Nachlesen und weiter entdecken. Aber zunächst stand das nächste und letzte große Abenteuer dieses Urlaubs an und der Ausgangspunkt dafür war Antigua – im Hochland von Guatemala, etwa 40km von Guatemala City…





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